Wie Corona die Sexualität verändert hat

Wer hätte Corona in so einem geographisch-zeitlich-privaten Ausmaß erwartet? Ich nicht. Das Virus wurde als Auslöser der jeweiligen gesundheitlichen Probleme identifiziert und da Menschen die Welt seit Jahrtausenden bereisen, hat die Verbreitung auf sich nicht lange warten lassen. Beinah alle Staaten des Planeten haben dagegen mobilisiert. Jeder bisschen anders, viele sehr ähnlich und zwar nicht nur die demokratischen Länder, sondern auch die nicht demokratischen.

Und obwohl die Welt mit genug Konflikten und Meinungsintoleranz zu tun hat, haben sich auch diesbezüglich weltweit zwei Gruppen herausgebildet – die eine findet die Lage um Corona ernst und die Impfungen und andere Maßnahmen klug, die andere Gruppe findet die erste Gruppe unklug. Aber selbst das ist nichts Neues unter der Sonne. Die „Entweder A oder B und Nix dazwischen-Logik“ ist uralt und leider sehr beliebt. Es gibt doch nur Frauen und Männer! Oder?[1] Es gibt nur Hetero- und Homosexualität! Oder? Männer wollen Sex und Frauen wollen Liebe! Oder? Corona hat Beziehungen fester gemacht und die Paare haben mehr Sex! Oder?


Sexualität findet immer mehr online statt

„Angesichts der weltweiten Verbreitung des Corona-Virus zeichnete sich 2020/21 eine zeitweilige Umstrukturierung gewohnter sozialer Mechanismen ab…Zwangsläufig ist davon auch der Bereich der Erotik und Sexualität betroffen, denn hier geht es um jene Verbindungen, die der Ausbreitung des Virus förderlich zu sein scheinen: um enge Nähe, die nicht nur in den Partnerschaften, sondern mitunter auch zwischen fremden entstehen kann.“[2]

Diese Sexualität, diese Liebe – häufig ziemlich anstrengend. Bzw. wie machen wir Sex und wie (ver)lieben wir (uns), wenn sich die Menschen entweder eingeschränkt oder gar nicht treffen können und/oder vor offline Treffen Angst haben? Zum Glück (oder leider Gottes?) haben wir bereits ein paar Jährchen vor Corona festgestellt, dass sich ein Riesenteil der gelebten Realität „in unserem Smartphone“, per Handy wortwörtlich realisieren lässt. Warum dann also nicht die Beziehungen, die Liebe, die Intimität, ja sogar der Sex? Alles möglich, vieles davon gängig. Aber auch richtig? Ideal? Jedem(r) das Seine/Ihre. Online Dating, Videotelefonie und soziale Medien erleben auf jeden Fall einen Boom der Booms.

 

Corona und die Auswirkung auf Partnerschaften

Dem Lockdown hat Mensch unter anderen prophezeit, dass er mehr Sex in Haushalten nach sich ziehen wird. Laut einer Befragung hat dieser Effekt eine durchschnittliche Lebenserwartung von drei Wochen gehabt. Zu viel Zeit miteinander zu verbringen hat sich für Paare als Chance und als Falle gleichzeitig entpuppt. Andere Paare haben sich wiederum kaum sehen können. Schade. Oder?

Scheinbar hat sich die jeweilige Paardynamik in dem Ton fortgesetzt, wie sie vor Corona ausgesehen hat – sich streitende Paare haben sich auch weiter (mehr) gestritten, harmonische Paare sind harmonisch(er) geblieben (geworden), woanders hat sich die Paardynamik um 180 Grad gedreht oder ganz unverändert geblieben. Viele Paare sind auseinandergegangen, andere wieder zusammengekommen.

 

Zensur sexueller Inhalte auf Facebook

 Noch einmal aber zurück zu den allmächtigen Medien:
„Allerdings haben diese Medien in den letzten Jahren im Namen unspezifischer Sicherheitsvorstellungen eine Deplattformierung des Sex vollzogen, was zur Konsequenz hat, dass sexuelle Bilder und sexuelle Kommunikation aus der Palette der Austauschmöglichkeiten entfernt wurden.“[3]

Haben Sie auch dieses Gefühl? Ich schon. Am deutlichsten ist mir das auf der Plattform Facebook geworden. Als Sexuologe nutze ich meinen Account unter anderem dazu, meine „Freunde“ zu informieren, manche bestimmt auch aufzuklären und zwar eher auf lustige als auf ernste, streng wissenschaftliche Art und Weise – dies tue ich auf den sexuologischen Kongressen.

Bei Facebook beobachte ich seit Jahren, dass diese Plattform immer strengeres Auge auf die Bilder und das Vokabular wirft und es zensiert, obwohl es nicht um erotisch konnotierte oder beleidigende Inhalte geht. Die sexuellen Inhalte werden in den sozialen Medien mehr moderiert. Gut so? Wer entscheidet nach welchen Kriterien, was als sexuell und/oder schädlich, intim zu bezeichnen ist? Oder ist das 21. Jh. doch noch zu viel oversexed? Und underfucked?[4]

 

Anstieg sexueller Probleme durch Corona

 „Was über Covid-19 öffentlich und privat geäußert wird, über die Wirkweise und Ausbreitung des Virus, das beeinflusst mehr als alles Sonstige unsere Wahrnehmung und unser Handeln – wie wir den eigenen und die anderen Körper sehen, intime Beziehungen eingehen und gestalten, die sexuellen Skripte aufrufen und verändern.“[5]

Lautmann (2021) hat z.B. folgende untersuchten Ergebnisse zusammengefasst: Ein Viertel der Befragten habe keine Veränderungen des eigenen Sexualverhaltens registriert, Onanie habe zugenommen, Männer empfanden weniger sexuelle Lust als Frauen (!) und die Erektionsstörung sei am Vormarsch, die Qualität der Sexualität habe abgenommen, die Gewalt in den Partnerschaften dagegen zugenommen, ebenso wie der Kindesmissbrauch.

Die konkreten und weiteren Quellenangaben zu realisierten Studien finden Sie in dem erwähnten Artikel, bzw. in beiden Heften der Zeitschrift Sexuologie (2021).[6] Scheinbar wird die Sexualität während der Corona-Pandemie noch ambivalenter, per Sexualität sowohl Positives als auch Negatives zu erfahren noch sichtbarer, da wir seit Jahrtausenden wissen, dass sie den Menschen guttut, bzw. guttun kann und guttun soll:

 „In den Massenmedien aber auch in den gesundheitsbehördlichen Leitlinien werden dabei Erwartungen deutlich, dass die Lust nicht nur Immunabwehr und allgemeine Gesundheit fördern könne, sondern auch helfe, überlastete Beziehungen zu stabilisieren sowie diverse psychosoziale und sozioökonomische Deprivationen und Belastungen auszugleichen.[7]

Wie gesagt, dies war während Corona nicht so eindeutig bzw. nicht ganz möglich. Die Gesundheitsprävention darf auch nicht unerwähnt bleiben und nach dem 01.08.2022 ist das Thema in Österreich noch mehr relevant, da Covid-Positive nicht mehr zu Hause bleiben müssen.

 

Sexualität und die Übertragungswege von Covid-19

„Kondome bieten einen sicheren Schutz vor HIV und senken auch das Ansteckungsrisiko für weitere STI – vor dem Corona-Virus, also vor SARS-CoV-2, schützen sie jedoch nicht. Denn die Übertragung des Corona-Virus erfolgt über größere Tröpfchen und kleinere Aerosole. Das kann beim Husten, Niesen aber auch schon beim Ausatmen passieren…SARS-CoV-2 wurde bislang in einer Studie in Sperma nachgewiesen – man kann aber noch nicht sicher einschätzen, ob es auch über Sperma zu einer Ansteckung kommt.“[8]

Somit ist Sex, Kuscheln, Küssen, Umarmen und Händchenhalten ohne Mundschutz ein ziemlich sicherer Übertragungsweg für SARS-CoV-2, falls dieses bei der einen Person vorhanden ist. Und wir müssen nicht mal intim werden, um die gängigen Maßnahmen vor Augen zu haben: Ghetto-Faust (wenn überhaupt) auch unter nicht GangsterInnen, große Abstände in Räumlichkeiten, häufigeres und gründlicheres Händewaschen (schon immer clever gewesen) und nicht zuletzt der alte gute Mund-Nasen-Schutz.

Corona scheint sein letztes Wort noch nicht mal ansatzweise gesagt zu haben. Wie weit es langfristig unser Sexualverhalten beeinflusst, wissen wir noch nicht. Es liegt in unseren Händen. Jetzt schon aber zeigt sich eines ziemlich deutlich: Menschen, deren Beziehungen, Intimität, Liebe und Sex während Corona mehr belastet werden und die mit ihren Problemen nicht mehr alleine klarkommen, melden sich immer häufiger an SexualberaterInnen und SexualtherapeutInnen.

Es ist also eine passende Zeit, sich in diesem seltenen, aber desto mehr interessanten und immer mehr gefragten Feld weiterzubilden, z.B. bei der Europäischen Akademie für Logotherapie und Psychologie in Graz![9]

Dr. phil. Mgr. Aleš Svoboda, M.A.
Sexualmedizinische Praxis Graz
www.sexmed.at

Quellen

[1] Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=_K5-3Umq6gM

[2] Benkel, T.: Berührungslosigkeit – Intimität im Zeichen der Pandemie. In: Sexuologie 28/2021. S. 5.

[3] Paasonen, S.: Intime Abhängigkeiten, fragile Verbindungen, entsexualisierte Plattformen. In: Sexuologie 28/2021. S. 23.

[4] Vgl. Osswald-Rinner, I. (2011): Oversexed and underfucked: Über die gesellschaftliche Konstruktion der Lust. Wiesbaden. VS Verlag.

[5] Lautmann, R.: Der Fachdiskurs zur Sexualität in der Coronakrise. In: Sexuologie 28/2021. S. 77.

[6] Vgl. https://www.maennergesundheit.info/wissenschaft-aktuelles/liebe-in-zeiten-von-corona.html und https://www.sfu.ac.at/de/news/intimitaet-sexualitaet-und-solidaritaet-in-der-covid-19-pandemie/

[7] Heim, T.: Zwischen Lustanreizung und Biopolitik. Der Coronadiskurs und die Widersprüche des modernen Sexdispositivs. In: Sexuologie 28/2021. S. 91.

[8] https://www.liebesleben.de/fuer-alle/safer-sex-und-schutz/corona-und-sex/

[9] https://www.ealp.at/ausbildungen/sexualberatung/

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