Sinnfindung im höheren Lebensalter

Graues Haar erzählt von durchstandenen Kämpfen, von errungenen Siegen, von getragenen Lasten und von Versuchungen, denen widerstanden wurde. Es erzählt von müden Füßen, die sich der Ruhe nahen, von Plätzen die bald leer sein werden. E.G.White


Welche 3 Faktoren machen den Menschen tatsächlich aus?

Viktor E. Frankl beschreibt, dass der Mensch aus drei Dimensionen besteht, der somatischen, psychischen und geistigen Ebene. Die geistige Ebene ist die spezifisch humane und wird auch noetische Ebene genannt, nach dem griechischen Wort “Nous” (Geist). Spezifisch human deshalb, weil die somatische Ebene, die leibliche also, auch den Pflanzen und Tieren zuteil wird, die psychische wiederum den Tieren und Menschen. 

Die geistige allein ist eben diese Ebene zu der nur der Mensch Zugriff hat. Gerade hier hebt sich die Logotherapie von den anderen genannten Psychotherapierichtungen ab, die sich hauptsächlich auf die psychische Ebene beschränken. 

Die Logotherapie greift von der geistigen aber sowohl auf die somatische, als auch auf die psychische Ebene zurück. Die Logotherapie ist auch eine positive Weltanschauung, die davon überzeugt ist, dass das Leben einen Sinn hat, den es unter keinen Umständen verliert. Näheres dazu lesen Sie unter Umgang mit Krankheit, Leid und Tod

Genaueres über die Dimensionen des Alters lesen sie im nächsten Abschnitt

Aspekte des Alters

Das Alter bringt Veränderungen mit sich, die sich in drei verschiedenen Ebenen teilen lassen: (Brückner, 2006 S32 ff)

Biologisches Alter

Der Stoffwechsel verändert sich, man spricht von einer Rückbildungsphase des Körpers. Die Leistungsfähigkeit der Organe und Sinne nimmt ab, was oft zur typischen Altersweitsichtigkeit und Schwerhörigkeit führt. 

Die Bandscheiben schrumpfen, dadurch nimmt die Körpergröße ab, der Körper speichert weniger Wasser, wodurch die Haut trocken und faltig wird. Durch das biologische Alter treten vermehrt körperliche Defizite auf und diese müssen mental durchstanden werden. 

Diese Veränderungen sind natürlich von Person zu Person verschieden und liegen vor allem genetischen Faktoren zu Grunde, aber auch viele andere Faktoren spielen eine Rolle insbesonders der Lebensstil (Ernährung, gesundheitsbewusstes Verhalten, Körperaktivität in früheren Jahren), sowie die psychische Einstellung zum eigenen Körper spielt eine wesentliche Rolle.

Psychologisches Alter

Das psychologische Alter betrifft emotionale, kognitive und motivationale Fähigkeiten. Die Veränderungen in Denken, Fühlen und Gedächtnis laufen jedoch nicht bei jedem Menschen gleich ab, und können bei jedem Menschen in verschiedener Form auftreten. 

Das biologische Alter ist nur ein Einflussbereich unter mehreren, Bildung, Beruf beeinflussen die geistige Leistungsfähigkeit auch. Ein genereller Abbau psychischer Fähigkeiten im höheren Lebensalter kann nicht nachgewiesen werden und zu den Fähigkeiten die im Alter entwickelt werden kommen Besonnenheit, Urteilsvermögen, soziale Bindungsfähikeit und Arbeitserfahrung hinzu.

Soziales Alter

Das soziale Alter betrifft die Normen und Werte, die in unserer Gesellschaft mit dem Alter verbunden werden. Gewöhnlich verändert sich im Alter der durch Beruf, Besitz und Wohnqualität erworbene Status, da oft mit der Pensionierung materielle Einbußen einhergehen. 

Vor hundert Jahren lag die Lebenserwarung bei 46,5 Jahren, heute liegt sie bei ungefähr 80 Jahren, da aber die Gruppe der „Alten“ laut demographischer Hochrechnung stetig zunimmt ändert sich auch das Kaufverhalten der Bevölkerung und dies wiederum wirkt sich auf die Wirtschaftslage aus. Das Warenangebot und die Werbung der Unternehmen passt sich dem Alter der Bevölkerung an, die alte Generation gewinnt an Kaufkraft.

Geistiges Alter

Da Viktor Frankl in seiner Literatur menschliches Sein dreidimensional darstellt, nämlich in der somatischen Ebene, der alle leiblichen Phänomene entsprechen, der psychischen Ebene, die alle Kognitionen und Emotionen beinhaltet wie zum Beispiel Befindlichkeit, Gestimmtheit, Trieb, Gefühle, Instinkte, Begierden und Affekte und der geistigen Ebene, der die freie Stellungnahme zu Leiblichkeit und Befindlichkeit, eigenständige Willensentscheidungen, sachliches und künstlerisches Interesse, schöpferisches Gestalten, Religiösität, ethisches Empfinden (Gewissen), Wertverständnis und Liebe zugeordnet werden können, und diese zwei ersten Ebenen dem Altern unterworfen sind, frage ich mich nun ob ein Altern auf geistiger Ebene auch möglich ist?

Elisabeth Lukas nennt die geistige Ebene das Urmenschliche (Lehrbuch der Logotherapie S20). Können diese Fähigkeiten des Menschen auf geistiger Ebene dem Alter unterworfen werden? Frankl spricht in seiner Lehre immer wieder vom psychiatrischen und psychotherapeutischen Credo. “Diese beiden Credos sind unerlässlich für logotherapeutisches Denken und Handeln und prägen die logotherapeutische Haltung“ (Biller, 2008, S330) Das psychiatrische Credo besagt dass, die geistige Person auch dann noch vorhanden ist, wenn eine psychiatrische Erkrankung eventuell in Form einer Psychose oder eben speziell im fortgeschritteneren Alter in Form einer Demenz oder im Speziellen Alzheimer, besteht.

Das heißt die geistige Person ist da, wenn auch hinter einer vordergründigen Symptomatik einer Erkrankung. Das psychotherapeutische Credo besagt, dass die geistige Person ihrer Erkrankung gegenübertreten kann, sich ihr stellen kann, mit Hilfe der „Trotzmacht des Geistes“ (Biller, 2008, S 478. Die Trotzmacht des Geistes ist jene Qualität des Geistes, die dem Menschen hilft, gegenüber den Wahrnehmungen des Körpers und der Seele- möge sie von außen oder von innen herrühren- Stellung zu beziehen, so dass er weder den Bedürfnissen noch den Trieben noch dem Schicksal kraftlos ausgesetzt ist, sondern sich von ihnen befreien kann). Bei Krankheit ist der Körper, nicht jedoch der Geist, vielfach geschwächt, so dass sich die Trotzmacht des Geistes nicht mehr angemessen ausdrücken kann, also im wahrsten Sinne des Wortes ihrem Schicksal trotzen kann. 

Dieses Trotzen ist altersunabhängig, somit ist geistiges Altern nicht möglich, da der Geist immer aktiv ist, mag er vielleicht in manchen Zeiten im Schatten einer Erkrankung stehen.

Der nächste Abschnitt geht darauf ein, wie ein Mensch im höheren Alter sich auf die Suche nach Sinnnfindung machen kann.

Warum ist eine hoffnungsvolle Grundhaltung so wichtig?

Aktive, lebensbejahende, optimistische Senioren führen anscheinend ein erfüllteres Leben, dies belegt auch eine Studie die Thomas Friedrich Hett in seinem Buch „Positives Altern“ (S21) anführt, wonach bei positiven Affekten und positiver Lebenseinstellung merklich weniger Gebrechlichkeit auftrat. Deshalb wird auch vermutet, dass Optimismus eher zu körperlicher und sozialer Aktivität führt. Dies ist nur eine von vielen Studien die sich mit dieser Thematik beschäftigt haben und zu diesem Schluss gekommen sind. 

Angesichts dieser Tatsache, mag es merkwürdig erscheinen, dass sich Politik und Wirtschaft, aber auch unsere Gesellschaft hauptsächlich mit den mit Alter verbundenen Defiziten, wie erhöhter Pflegeaufwand beschäftigen und nicht auch Lösungsstrategien entwickeln, damit es erst gar nicht so weit kommt bzw. Pflegebedürftigkeit so lange wie möglich aufgeschoben werden kann. 

Welche Möglichkeiten der Sinnfindung stehen Senioren offen?

Darauf geht Viktor Frankl schon im Jahre 1984 bei einem öffentlichen Vortrag (Frankl, Live Mittschnitt CD, 1984) ein, wo er beschreibt das dem Menschen nicht Sinn verordnet werden kann, dass der Mensch aber selbst weiß wie er an Sinn herankommen kann, nämlich in Form einer Tat die er selbst setzt, ein Werk das er tut, ein Erlebnis in Form von Kunst, Natur, Güte, Liebe und wenn all das nicht mehr möglich ist, bleibt dem Menschen immer noch die Freiheit der Einstellung zu seinem unabänderlichen Schicksal, er kann zeigen wozu er fähig ist, nämlich seine Tragödie in einen persönlichen Triumph zu verwandeln.

So mancher betagte Mensch denkt sich im Alter: Ach hätte ich doch dieses oder jenes gemacht….aber was soll ich jetzt, ich bin doch nutzlos und wertlos. Das ist keinesfalls so! Denn Sinn, der einzigartige und jeweilige Sinn richtet sich nach der Person selbst im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Die Person, egal welchen Alters, muss diesen Sinn, der ganz bestimmt da ist, erkennen, ergreifen und in ihrem Leben verwirklichen, das heißt den Sinn suchen um ihn dann auch finden zu können. 

Um diesen Sinn aufzuspüren, ihn zu finden benutzt der Mensch ein Werkzeug, V.Frankl nennt es das Sinn-Organ . Diese Sinn Organ ist eine oberste, innere Instanz, die jeder Mensch in sich trägt, sie ist von Grund auf gegeben und lässt uns erkennen was richtig und was falsch ist, sinnvoll oder sinnlos, es hat also die Fähigkeit den einmaligen und einzigartigen Sinn in der jeweiligen Situation zu erkennen und wahrzunehmen. Lässt man diese Möglichkeit der Situation tatenlos verstreichen, ist diese Möglichkeit in der Vergangenheit unwiederbringbar verloren. 

Im Alter wird diese Menge an Möglichkeiten den Sinn zu verwirklichen kleiner, die Vergangenheit aber umso grösser d.h. grösser an Möglichkeiten die bereits verwirklicht wurden. Dieses „Verwirklichte“ ist also in der Vergangenheit unentfernbar geborgen, denn niemand kann es mehr ungeschehen machen oder gar auslöschen. Die Möglichkeiten der Zukunft dagegen sind vergänglich, denn man weiß nicht ob man noch 2 Wochen, 2 Monate oder 2 Jahre zu leben hat, die Möglichkeiten also verwirklichen kann. (Lukas Interview, Sendung Spirit, Leben mit Stil) 

Frankl verwendete oft als Metapher das Stoppelfeld der Vergänglichkeit. Für gewöhnlich sieht der Mensch also dieses Stoppelfeld, übersieht dabei aber die vollen Scheunen, wo längst die Ernte eingebracht wurde. (Biller, 2008, S674) 

Wertvolle Sinnmöglichkeiten in höheren Lebensjahren finden

Solche Möglichkeiten Sinn zu verwirklichen tragen den Wert in sich und sollten um ihrer selbst Willen angestrebt werden, doch vorher muss es dem Sinn-Suchenden auch möglich sein, diese äußeren Sinnmöglichkeiten auch zu erkennen. Hier setzt die Beratung an, die gemeinsam mit dem Suchenden auf Entdeckungsreise geht, oft eben in die Vergangenheit. Was habe ich früher gerne gemacht? Wann habe ich mich so richtig zufrieden gefühlt? Wem und wie habe ich Freude bereitet? Wo erlebte ich große Dankbarkeit? Für wen und was hege ich liebevolle Gedanken? Dabei ist es durchaus üblich ein altes Fotoalbum in die Hand zu nehmen, um eine Reise gemeinsam durch die Vergangenheit anzutreten und in Erinnerungen zu schwelgen. 

Leider ist es so, dass vieles aus der Vergangenheit nicht richtig wertgeschätzt wird. „Ich habe doch nichts Großartiges gemacht!“, hört man dabei oft aus dem Mund des Suchenden. Dabei wird aber vergessen, dass z.B eine Mutter, die ihre Kinder großgezogen hat und sich um den Haushalt gekümmert hat, ganz großartige Leistungen vollbrachte. Mit viel Geschick hat sie leidensfähige, liebesfähige, arbeitsfähige Menschen herangezogen, die nun selbstständig das Ihre in der Gesellschaft beitragen. 

Auch ein gewissenhafter Mann, der Zeit seines Lebens gearbeitet hat um seine Familie zu versorgen, hat großartige Dinge geleistet. Nicht nur, dass er die Seinen versorgt hat, er war den Mitmenschen ein Vorbild und ging mit gutem Beispiel voran.

Im Anschluss finden Sie ein erstaunliches Video einer alten Dame, die bis ins hohe Alter körperlich äußerst fit geblieben ist.

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Frankl hat Sinn erstmals 1946 in der „ärztlichen Seelsorge“ beschrieben, als den eigentlichen tiefsten Beweggrund des Menschen zu handeln. Die Frage nach dem Sinn ist nur Menschen möglich, ein Tier handelt aus dem Instinkt heraus. Als Mensch können wir aber unser Handeln hinterfragen: „Macht das überhaupt Sinn?“. 

Was ist überhaupt sinnvoll?

Der Mensch wird in seinem täglichen Tun immer wieder mit positiven und negativen Sinnmöglichkeiten konfrontiert, die nur darauf warten erfüllt zu werden. Nun liegt es daran sich die Frage zu stellen: „ Welches ist wohl die sinnvollste Möglichkeit?“. Darin liegt also die Verantwortung, die wir als Menschen haben, nämlich die richtigen Prioritäten zu setzen, die sinnvollste Möglickeit einer Situation zu ergreifen um diese dann zu verwirklichen. Elisabeth Lukas, eine Schülerin Frankls, greift dies auch in einem Interview der Reihe Spirit, Leben mit Stil auf, wo sie ganz besonders auf die Sinnfrage im Alter eingeht. 

Im Alter hat der Mensch eben oft weniger Möglichkeiten Sinn zu verwirklichen, wobei hier oft auch das Gewicht in der Vergangenheit liegt, nämlich Sinnmöglichkeiten die man schon verwirklicht hat zu erkennen und sich bewusst werden , dass diese niemand mehr wegnehmen kann. Ein Leben das gelebt wurde hinterlässt Spuren, die unauslöschbar sind und niemand kann sie mehr aus der Welt schaffen. Die Möglichkeiten der Zukunft sind vergänglich. 

Auch nicht übernommene Verantwortung, oder noch nicht bewältigtes Leid, Entschuldigungen die noch nicht ausgesprochen wurden und auch nicht getanes Verzeihen ist in der Vergangenheit verankert, aber diese Dinge können im Jetzt aufgegriffen werden und als Aufforderung verstanden werden, sie nun zu verwirklichen. 

Natürlich kann es auch sein, dass sich ein Mensch im Alter fragt:“ Für was habe ich eigentlich gelebt? Ich hätte mehr machen sollen….“ Gerade in der Beratung kann solchen Menschen geholfen werden, in dem man ihn ermutigt Vergangenes und Gelebtes hervorzuholen und wertzuschätzen, ihn seine Augen zu öffnen für seine vollbrachten Leistungen, dass auch erlebtes, durchlittenes Leid, das gut gemeistert wurde, eine Leistung ist. Der Mensch ist ein Wesen das auf Sinn hin orientiert ist. Wenn er auf der Suche nach Sinn fündig wird, wird er glücklich. So mag es für manchen alten Menschen scheinen, dass es im Alter weniger Sinnmöglichkeiten gibt, doch diese werden oft nicht gleich gesehen, weil sie eventuell sehr klein scheinen. 

Praktisches: Die Ressourcensuche

In der Beratung kann man, gemeinsam mit dem Klienten auf Ressourcensuche gehen, eine alte Dame die gerne strickt, könnte zum Beispiel ermuntert werden ihre heute hochgeschätzte Tätigkeit Socken zu stricken wiederaufzunehmen und eventuell Kinder in SOS – Kinderdörfern damit zu beschenken. Sicherlich finden sich dafür auch viele Personen, die gerne dafür Wolle spenden möchten und so das Ihre zu diesem guten Zweck beitragen können. Vielleicht kann sogar eine Runde Senioren gegründet werden um so gemeinsam unter netten Sozialkontakten für diese gute Sache zu arbeiten. 

Senioren die wenig beeinträchtigt und noch einigermaßen mobil sind könnten auch Besuchsdienste in Alters- und Pflegeheimen machen um dort den Bewohnern vorzulesen oder mit ihnen Karten zu spielen. Tierliebe alte Menschen sind ganz sicher in Tierheimen herzlich Willkommen und könnten Hunde auf Spaziergängen ausführen, um diese wenigstens etwas von ihrem tristen Heimleben herauszuholen. 

Auch könnte man einen Kurs belegen, eine neue Sprache lernen oder gar eine Ausbildung eventuell sogar ein Studium beginnen, ein Wissensgebiet erforschen für das man sich schon immer interessiert hat. Vom Hilfswerk Österreich wird auch eine Oma/Opa Börse angeboten, wo sich kinderliebe Senioren, nachdem sie ein Ausbildungsmodul absolviert haben, um Kinder, deren eigenen Großeltern vielleicht nicht in deren Nähe wohnen, kümmern und dabei sich auch noch ein kleines Taschengeld verdienen.

Umgang mit Krankheit, Leid und Tod

Ein älterer Mensch steht oft vor neuen, herausfordernden Ereignissen, neue Abschnitte kommen auf ihn zu, mit denen er sich nun konfrontiert sieht. Wie schon im früheren Kapitel kurz angeführt ist ein solcher neuer Abschnitt der Zeitpunkt der Pensionierung gewöhnlich um das 60. Lebensjahr.

Einschneidend: Die Pensionierung

Viele Menschen die heute in Pension gehen, waren es von jeher gewöhnt viel und schwer zu arbeiten. Sie haben sich oft durch Arbeit definiert. Sie sehen sich plötzlich als nutzlos, müssen sie doch den jungen Platz machen. Mit zunehmenden Lebensalter stehen auch vermehrt Verluste im Vordergrund, Verlust der Eigenständigkeit etwa durch Schmerzen, Krankheit oder sogar Pflegebedürftigkeit. Aber auch Verluste von lieben Menschen die einem ein Leben lang begleitet haben. Der Tod des Partners, mit dem viele 30, 40, 50 und sogar mehr Jahre verbracht haben, ist so eine schwerwiegende Lebenskrise und zunehmend tritt auch die Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit in den Vordergrund. Nicht zu vergessen wären da noch Probleme, die in den Familien entstehen: Generationskonflikte, mitunter die wohlgemeinte Bevormundung durch Angehörige. Manch alter Mensch plagt sich auch mit der Vorstellung seiner Familie zur Last zu fallen.

Gerade nach der Pensionierung ist es für einen Menschen besonders schwer, da er bis dahin „nützlich“ war und nun glaubt für die Gesellschaft nichts mehr wert zu sein. Dieses sich nutzlos fühlen, kann in eine Krise führen, wobei in der Beratung gerade da angesetzt wird, denn jede Krise bedeutet auch Chance. Eine Chance für einen Neubeginn, eine Chance die neu gewonnene Zeit zu nützen, vielleicht endlich Dinge zu tun, die man schon immer machen wollte. Jetzt wo man sich nicht mehr an Arbeitszeiten und Urlaubszeiten richten muss, endlich die Reise zu unternehmen von der man schon immer geträumt hat. 

Nach der Pensionierung bleibt einem auch endlich genug Zeit sich mehr mit seiner eigenen Familie zu beschäftigen, Kinder und Enkelkinder zu treffen, mit Freunden ins Konzert zu gehen, Hobbies nachzugehen für die nie Platz war. Vielleicht findet sich auch die eine oder andere Möglichkeit sein Wissen, seine Erfahrung die man in den vielen Jahren der Berufstätigkeit gesammelt hat nutzbringend für seine Mitmenschen einzusetzen. 

In “alten Tagen” sich auf Sinnsuche begeben…

Nun ist es so, dass dem Menschen, im idealen Fall, Zeit seines Lebens möglich war schöpferische Werte und Erlebniswerte zu verwirklichen. „Werte sind Sinnfindungsmöglichkeiten die sich dreifach gruppieren lassen; es gibt drei Wege zum Sinn, drei Wertebenen, eine dreifache Werthierarchie bestehend aus schöpferischen Werten, Erlebniswerten und Einstellungswerten.“ (Biller, 2008, LT u. EA , S 519)

Der schöpferische Wert

„Schöpferische Werte werden durch ein Schaffen verwirklicht“ (Frankl,Ä. Seelsorge,2007, S92). Diese schöpferischen Werte werden in Form von gemeinschaftsbezogenen Leistungen realisiert, das bedeutet, dass die Gemeinschaft der persönlichen Einmaligkeit und Einzigartigkeit Sinn verleiht“ (Biller, EA und LT, S 526). Dieser schöpferische Wert kann ein Haus sein, das man für seine Familie baut oder schon gebaut hat oder auch ein gemeinnütziges soziales Projekt an dem man mitgewirkt hat.

Der Erlebniswert

Erlebniswerte beschreibt V. Frankl als „die Hingabe an die Schönheit der Natur oder Kunst, die realisiert wird.“ (Frankl, Ä Seelsorge, 2007, S 92) Das kann das Anhören von wunderschöner Musik sein, das Malen eines Bildes, Lesen eines Buches aber auch das gemeinsame Miteinander unter lieben Menschen beispielsweise bei gutem Essen. 

Der Einstellungswert

„Als dritten Weg zum Sinn beschreibt V. Frankl den Einstellungswert. Sich zu einer unabänderlichen Situation heroisch einzustellen, diese mit Würde und Gelassenheit zu tragen.“ (Frankl, CD, Auditorium Verlag, „Bewältigung der Vergangenheit“) Diesen Einstellungswert gilt es zu ergreifen, wenn Sinn auf anderem Wege, und nur dann, nicht mehr zu verwirklichen ist. Denn so lange es möglich ist, muss Leiden beseitigt werden d.h. “ Sinnerfüllung ist auch dort möglich, wo wir mit einem Leidenszustand konfrontiert sind, allerdings nur dann, wenn dieser Leidenszustand nicht anderwertig aktiv behoben werden kann.“ (Frankl, CD, Auditorium Verlag, „Bewältigung der Vergangenheit“) Dann liegt es an dem Menschen trotz des Leidens, im Leiden eine Sinnmöglichkeit zu sehen und diese zu erfüllen. 

Der Wille zum Sinn

Der Mensch besitzt ein natürliches Bedürfnis nach Sinn, Frankl nennt es das allermenschlichste Bedürfnis, den Willen zum Sinn. „In der Logotherapie ist der Wille zum Sinn die zentrale Motivation des Menschen. Der Nachdruck liegt nicht am bloßen Willen, weil der Mensch den Sinn nicht wollen kann, sondern auf Sinn, weil er den Sinn suchen, finden und aufleuchten lassen kann. Weil aber der Sinn außerhalb des Menschen selbst liegt, muss der Mensch nach Sinn suchen, er muss ihn erfahren um dann als Nebeneffekt zufrieden, glücklich und leidensfähig zu werden. Der Wille zum Sinn orientiert sich an Wertvollem als Sinnmöglichkeiten.“ ( Biller, 2008,LT und EA S532)

Was sich hinter dem Nebel verbirgt

Nun kann es durchaus sein, dass durch das schwere Leid, das dem Menschen wiederfahren ist, sei es durch Krankheit oder Verlust, das Fühlen und Denken so in Anspruch genommen wird, dass eine klare Sicht der Dinge kaum mehr möglich ist. Der Mensch selbst ist immer wieder mit Leid konfrontiert, von kleinen Enttäuschungen über Sinnkrisen bis zur existentiellen Leere. (existentielles Vakuum: Erlebnis innerer Leere, Gefühl abgründiger Sinnlosigkeit).

Solche Menschen die tiefstes Leid erleben werden allzuoft von ihren Mitmenschen gemieden. Unheilbare Krankheiten, schwere Schicksalsschläge, furchtbare Unglücke treffen auf Betroffenheit und Hilflosigkeit. Oft fehlen die Worte, wie kann man einem von solchen Unglück gezeichneten Menschen schon begegnen? Mitleid führt den Menschen buchstäblich zum mit-leiden und verursacht einen tiefen Schmerz, der für einen selbst auch schwer zu ertragen ist. 

Dem unabänderlichen Schicksal trotzen

Doch in all dieser Hilflosigkeit bleibt dem Menschen die Hoffnung der Gestaltbarkeit seinem unabänderlichen Schicksal zu trotzen durch die Kraft seines Geistes. (Trotzmacht des Geistes: der Mensch hat die Möglichkeit zu „trotzen“ muss es aber nicht, schon als Kleinkind lernte er mehr oder weniger bewusst diese Macht gegenüber seinen Eltern einzusetzen, als Erwachsenen steht ihm diese Möglichkeit immer noch zur Verfügung. Biller, EA und LT , 2008, S693) 

Der leidgeplagte Mensch hat die Möglichkeit das Ruder selbst in die Hand zu nehmen, diesem Schicksal, das zwar nicht umgekehrt werden kann, also nicht mehr verändert werden kann, kann er mit all seiner Macht begegnen, es in Demut aushalten, es mit Geduld zu tragen, tapfer zu kämpfen. Vorbildliches Ertragen, einer schweren Krankheit zum Beispiel, tapferes Hinnehmen von Unabänderlichem hinterlässt Spuren, Spuren bei den Mitmenschen, die ehrfürchtig auf diese Person blicken, sie als Vorbild erkennen: So möchte auch ich meinem Schicksal begegnen können! Einer dieser Vorbilder ist ganz bestimmt Nick Vujicic, geboren am 4. Dezember 1982. Als Folge einer Fehlbildung wurde er ohne Arme und Beine geboren. Im Alter von 10 Jahren beging er einen Suizidversuch und sagt heute selbst, dass er in jungen Jahren nicht an einen Sinn geglaubt hat, nun aber genau in dieser Behinderung einen Sinn sehe. Heute lebt Nick in Kalifornien und arbeitet international als Motivationsredner überwiegend in Schulen, Kirchen und auf christlichen Kongressen. Im Feber 2012 hat er seine Verlobte geheiratet.

Was bewegt nun diesen jungen Mann angesichts seiner schweren Behinderung ein doch offensichtlich erfülltes Leben zu führen? Er selbst gibt die Antwort darauf in einem Interview: Er hat den Sinn seines Daseins erkannt! Und nun trotzt er diesem Schicksal, ja er kehrt es sogar um, macht aus einem scheinbaren Verlust einen Gewinn. Und dieser Gewinn bereichert nicht nur sein Leben, sondern auch das von tausenden von Menschen.

Zusammenfassung

  • In jedem Lebensabschnitt ist sinnerfülltes Leben möglich
  • Alter bringt Veränderungen mit sich, auf die sich der Mensch neu einstellen muss
  • Der einzigartige Sinn richtet sich nach der Person selbst im Rahmen ihrer Möglichkeiten
  • Sinnsuche = Ressourcensuche
  • Jede Krise bedeutet auch eine Chance!
  • Zuletzt bleibt dem Menschen noch, sein unabänderliches Schicksal vorbildlich zu ertragen

 

Bilder mit freundlicher Genehmigung von pixabay

Text: Auszug aus der Diplomarbeit von Olivia Ponta zum Thema: “Die Beratung alter Menschen aus logotherapeutischer Sicht”

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