Sich selbst kennenlernen – 4 Wege zur Selbsterfahrung

Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung gehören zu den wichtigsten Dingen, wenn es um die persönliche Entwicklung geht. Sich selbst kennenzulernen und zu verstehen hilft, bessere Entscheidungen zu treffen, als Person zu wachsen, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und die Herausforderungen des Lebens zu meistern. So kann Selbsterfahrung einer der Schlüssel zu einem glücklichen und erfüllten Leben sein.

Wenn Sie nach Möglichkeiten suchen, sich selbst besser kennen zu lernen, wird dieser Artikel eine gute Hilfestellung für Sie sein. Wir werden 4 verschiedene Möglichkeiten vorstellen, die Ihnen helfen können, ein tieferes Verständnis dafür zu gewinnen, wer Sie sind und was Sie einzigartig macht.


Was uns im Leben daran hindert, uns selbst kennenzulernen

Man könnte meinen, dass man sich selbst ja am allerbesten kennen müsste. Und doch ist es so, dass uns vieles im Leben daran hindert, zu uns selbst zu finden. Oft verstehen wir nicht, warum wir in manchen Situationen auf bestimmte Art und Weise reagieren und wieso wir gewisse Dinge tun. Das liegt daran, dass unser Verhalten zu einem Großteil von unserem Nichtbewussten gelenkt wird.

Viele Menschen leben in den Tag hinein und suchen sich Ablenkung durch Sport, Alkohol, Apps auf dem Smartphone und ähnliche Dinge. Doch all das hält eher davon ab, sich selbst zu erfahren.

Ein weiterer Grund, der uns an der Selbsterkenntnis hindert, ist Verdrängung. Wir alle haben in unserem Leben etwas erlebt, an das wir lieber nicht denken möchten. Das kann eine schmerzhafte Erinnerung sein oder ein Ereignis, das so traumatisch war, dass wir es in die Tiefen unseres Unterbewusstseins verdrängt haben.

Doch wenn Sie sich selbst besser kennenlernen wollen, ist es entscheidend, wieder mehr Bewusstsein über sich selbst zu erlangen. Sie müssen es wagen, sowohl die hellen als auch die dunklen Seiten zu betrachten. Die folgenden fünf Übungen sollen Ihnen dazu eine Hilfestellung geben.

4 Übungen, um sich selbst besser kennen zu lernen

1. Eine Autobiographie schreiben

Eine sehr effektive Methode, sich selbst kennenzulernen, besteht darin, eine Autobiografie zu schreiben. Das kann eine schwierige und herausfordernde Aufgabe sein, aber es ist eine der besten Möglichkeiten, mehr über Ihr Leben zu erfahren und darüber, was Sie zu der Person gemacht hat, die Sie heute sind.

So wie ein hoher Turm einen besseren Überblick über eine Stadt ermöglicht, so kann Sie auch das Aufschreiben der persönlichen Lebensgeschichte viele Dinge klarer sehen lassen. Vielleicht erkennen Sie auf diese Weise Zusammenhänge, die Ihnen zuvor verborgen geblieben waren.

Der Blick auf das eigene Leben kann beispielsweise helfen, blinde Flecken und Vorurteile abzubauen. Bei vielen Menschen ist es oft auch so, dass sich Geduld, Toleranz und Empathiefähigkeit verbessern.

Wenn Sie sich sowohl mit den gesunden als auch den problematischen Aspekten Ihrer Persönlichkeit befassen, nähern Sie sich dem an, was der bekannte Psychiater Viktor Frankl (Begründer der Logotherapie) als Selbstverantwortung bezeichnet.

 

Aufbau der Autobiographie

Wenn Sie Ihre Lebensgeschichte zur tieferen Selbsterfahrung schreiben, sollten Sie sich auf folgende Aspekte konzentrieren:

Rückblick:

Meine Eltern
Meine Vorschulzeit
Meine Schulzeit
Meine Erwachsenenzeit bis jetzt

Gegenwart:

Meine derzeitige Situation

Ausblick:

Meine nähere Zukunft
Meine ferne Zukunft
Mein Sterben
Meine zurückgelassenen Spuren in dieser Welt

 

Sehen Sie sich dazu folgendes Video von Dr. Klaus Gstirner an:

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Wir empfehlen Ihnen, die Autobiographie in zwei Spalten zu unterteilen. In der linken Spalte schreiben Sie chronologisch alles auf, was in Ihrem Leben passiert ist. Die rechte Spalte ist dafür da, um Ihre heutigen Gedanken und Gefühle zum jeweiligen Ereignis niederzuschreiben.

 

Hilfreiche Fragen hierzu sind z.B.:

  • Wie fühle ich dazu?
  • Wie denke ich heute darüber?
  • Wo kann ich verzeihen?
  • Wie könnte ich es noch sehen?
  • Wo kann ich danken? Für was? Wem?
  • Wo blicke ich voll Freude auf Gelungenes?
  • Welche Werte erkenne ich daraus?
  • Wo liegt das Stachelige der Vergangenheit heute noch?
  • Was wäre eine sinnbringende Veränderung?
  • Welche Möglichkeiten habe ich?
  • Was könnte ich wieder aktivieren?

 

Übung: Kindheitsfamilie als Baum darstellen

Für manche Menschen kann es auch hilfreich sein, ihre Gefühle und Erlebnisse der Vergangenheit nicht nur schriftlich, sondern auch graphisch darzustellen. Eine Möglichkeit ist beispielsweise, die Herkunftsfamilie als symbolischen Baum zu zeichnen. Versuchen Sie dabei, das Grundgefühl in ihrer Familie auszudrücken und stellen Sie sich z.B. folgende Fragen:

  • Welcher Pflanzentyp repräsentiert meine Familie am besten?
  • Wie sieht das Wurzelwerk aus und woher bezieht es seine Kraft?
  • Welche Äste sind stärker, welche schwächer?
  • Welche Formen und Farben drücken meine Gefühle zu meiner Kindheit und meiner Familie aus?

 

Fragen zur Gegenwart

Im Abschnitt Gegenwart beschreiben Sie dann so detailliert wie möglich den Ist-Zustand und die positiven und negativen Möglichkeiten, die es heute dazu gibt. Wie ist die derzeitige Situation in Bezug auf Familie, Freunde, Beruf, Gesundheit, Partnerschaft, Glaube etc?

Fragen, die Sie sich stellen könnten, sind z.B.:

  • Wie ist meine Selbstwahrnehmung? Meine Reflexion?
  • Wie habe ich mich in den letzten 10 Jahren verändert?
  • Wie definiere ich meinen Selbstwert?
  • Bin ich zufrieden mit meiner Persönlichkeit und meinem Charakter?
  • Was macht mich glücklich?
  • Was macht mich traurig?
  • Wofür schäme ich mich?
  • Was ist mein Mission Statement fürs Leben?
  • Welcher Mensch raubt mir am meisten Energie?
  • Was ist mein derzeitiger Sinn?
  • Wer (oder was) gibt mir im Leben Halt?
  • Wo bin ich in der Selbsttranszendenz?
  • Wie geht es meiner Selbststärkung? Wie stärke ich mich selbst?
  • Wie geht es meiner Entscheidungsfindung? Bin ich stark in Entscheidungen?
  • Bin ich gut in Handlungs- und Lösungsstrategien?
  • Fällt es mir schwer, Fehler einzugestehen?
  • Was mag ich an mir am meisten?
  • Wie gestalte ich derzeit meine Freizeit?
  • Wo sind meine persönlichen Ressourcen?
  • Was sind meine persönlichen Bildungskonzepte, auf die ich jederzeit zurück greifen kann?
  • Was ist mein emotionaler Umgang mit Geld?
  • Welche finanziellen Prinzipien habe ich mir über die Jahre angelernt?
  • Standortbestimmung und Karriereplanung, persönliche Erfolgskonzepte und – strategien. Wo möchte ich noch hin?
  • Zeitmanagement und Umgang mit Stress: Wie reagiere ich auf Stress?
  • Alltags- und Arbeitsorganisation: Wie organisiere ich mich? Gibt es Dinge, die ich mehr laufen lassen sollte oder ggf. mehr durchorganisieren sollte?
  • Burnout Prophylaxe und Psychohygiene: Was sind meine aktuellen Maßnahmen dazu?

Wie Sie sehen, gibt es viele Möglichkeiten, sich über die Gegenwart Gedanken zu machen und Fragen über sich selbst zu stellen! Dieser Teil ist vielleicht sogar der wichtigste in Ihrer Autobiographie. Denn die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern, doch es liegt in Ihrer Hand, wie Sie HEUTE damit umgehen und was Sie daraus machen!

Viktor Frankl hat es sehr treffend formuliert:

“Der Mensch ist nicht frei von Bedingungen, sondern frei, zu ihnen Stellung zu nehmen. Aber sie bestimmt ihn nicht eindeutig. Denn letzten Endes liegt es an ihm, zu bestimmen, ob er den Bedingungen unterliegt, ob er sich ihnen unterwirft. Es gibt nämlich einen Spielraum, innerhalb dessen er sich über sie hinaus erheben kann, womit er ja in die menschliche Dimension überhaupt erst sich aufschwingt.“

 

Blick in die Zukunft

Der letzte Abschnitt der Biographie soll eine Vorausschau in die Zukunft sein. Welche Ziele und Visionen haben Sie? Welche Szenarien sind am wahrscheinlichsten? Auch hier können Sie das Blatt wieder in linke und rechte Spalte unterteilen. Schreiben Sie links einige Möglichkeiten auf und nehmen Sie auf der rechten Seite dazu Stellung.

Eine interessante Option bietet die Seite zukunftsmail.com. Dort können Sie sich selbst eine Mail schicken, die Sie an einem selbstgewählten Datum in der Zukunft erhalten.

Der Roman, den einer erlebt hat, ist immer noch eine unvergleichlich größere schöpferische Leistung als der, den jemand geschrieben hat.“ (Viktor E. Frankl)

 

Möchten Sie Ihre Autobiografie neu erleben? Schreiben unter Anleitung

Autobiografie-Arbeit wird als Kraftquelle und als Weg zu mehr Klarheit gepriesen. Es gibt viele Möglichkeiten, die eigene Biografie unter die Lupe zu nehmen und nochmals schreibend zu erfahren. Das primäre Ziel ist es nicht, ein literarisches Werk zu schaffen. Es geht vielmehr darum, den eigenen Lebensweg zu schildern, zu akzeptieren und zuzuhören, wie andere ihren Lebensweg gestaltet haben. Es lohnt sich, den eigenen Lebensfragen nachzuspüren!

Diese Methode des neuen Erlebens ist besonders geeignet für Personen, die eine Neuorientierung suchen, Personen in einer neuen Lebensphase und Menschen, die vertieft und schreibend über ihr Leben reflektieren möchten.

Die Autobiografiearbeit kann:

  • Ihre eigenen «Geschichten» transparenter machen, um sie neu zu interpretieren
  • Neue Sichtweisen gewinnen und Perspektiven aufzeigen
  • Möglichkeiten erkennen und Ziele klar formulieren
  • Den Sinn Ihres Lebens (neu) definieren
  • Schmerzliche Wendungen als Wachstums-Chancen erleben
  • Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Biografie
  • Die Aussöhnung mit dem «Schicksal» oder (verstorbe- nen) Angehörigen

Das Schreiben einer Autobiografie ist Arbeit und bedarf oft Anleitungen und das Besprechen mit Menschen von außen. Experten organisieren, begleiten, moderieren und geben Impulse. Begleitung für Ihre logotherapeutisch begleitete Biografiearbeit (nach Elisabeth Lukas) finden Sie hier: https://www.ealp.at/supervision/autobiographiebesprechung/

 

2. Ein Tagebuch führen

Auch ein Tagebuch ist eine gute Möglichkeit, Geschehnisse in Ihrem Leben zu verarbeiten und Dinge zu reflektieren. Dies ist ein sehr persönlicher und therapeutischer Prozess, da es Ihnen ermöglicht, Ihre täglichen Gedanken und Gefühle eingehend zu erforschen. Es kann Ihnen auch helfen, bestimmte Auslöser zu verstehen und mit ihnen auf gesunde Weise umzugehen.

Sie können sich zum Beispiel vornehmen, jeden Tag oder dreimal pro Woche 15 Minuten zu schreiben. Sie können über alles schreiben, was Ihnen in den Sinn kommt, oder Sie können sich auf bestimmte Themen konzentrieren.

Manche Menschen finden es hilfreich, die folgenden Fragen in ihrem Tagebuch zu beantworten:

  • Was ist heute passiert? Wie habe ich mich dabei gefühlt?
  • Was war der beste Teil meines Tages?
  • Was hätte besser sein können?
  • Wofür bin ich dankbar?

Sie können Ihr Tagebuch auch nutzen, um sich Ziele zu setzen und Ihre Fortschritte zu verfolgen. Wenn Sie etwas in Ihrem Leben ändern wollen, kann das Aufschreiben in Ihrem Tagebuch Ihnen helfen, motiviert und auf dem richtigen Weg zu bleiben.

 

3. Persönlichkeitstest

Ein weiterer Schritt, sich selbst besser verstehen zu lernen, kann ein Persönlichkeitstest sein. Einer der bekanntesten ist der Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI). Dieser Test misst Ihre Vorlieben in vier verschiedenen Bereichen:

Extraversion vs. Introversion

Empfinden vs. Intuition

Denken vs. Fühlen

Urteilen vs. Wahrnehmen

Der MBTI kann Ihnen Aufschluss über Ihre Stärken und Schwächen geben und darüber, wie Sie mit Ihrer Umwelt interagieren. Er kann Ihnen auch helfen zu verstehen, warum Sie in manchen Situationen auf bestimmte Art reagieren.

Ein weiterer anerkannter Test zur Persönlichkeitsmessung nennt sich Big Five und umfasst 120 Aussagen, bei der Sie ankreuzen können, wie sehr diese auf sie zutreffen. Solche Tests und Fragebögen können Sie kostenlos online abschließen und mehr über sich erfahren.

 

4. Die Komfortzone verlassen und sich selbst neu kennenlernen

Die Komfortzone ist der Bereich in unserem Leben, in dem wir uns wohl und sicher fühlen. Es sind die gewohnten Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die den Alltag bestimmen. Sie geben uns zwar einen gewissen Halt und eine Struktur, doch die Komfortzone kann auch ein Hindernis für persönliches Wachstum und Selbsterfahrung sein.

Denn wenn wir jeden Tag gleich handeln, uns gleich verhalten, ähnliche Gedanken und Gefühle haben, kann kaum Veränderung stattfinden.

Stellen Sie sich Ihre Komfortzone als Zimmer vor. Darin ist alles, was Sie können und was Sie bis zum heutigen Zeitpunkt sind. Da Sie dort eigentlich alles haben, was Sie brauchen und sich wohl fühlen, entscheiden Sie sich, das Zimmer nicht zu verlassen. Sie haben auch ein bisschen Angst davor, was hinter der Tür sein könnte. Vielleicht ist dort etwas, das Ihnen nicht gefällt?

Doch die Wahrheit ist, dass sich das Zimmer in einem großen Schloss befindet. Wenn Sie den Mut gehabt hätten, durch die Tür zu gehen, hätten Sie festgestellt, dass es in diesem Anwesen noch ganz andere Räumlichkeiten gibt – eine Konditorei, einen Weinkeller, eine Bibliothek, einen wunderschönen Garten und vieles mehr.

Wenn Sie es wagen, neue Dinge auszuprobieren und aus gewohnten Verhaltensmustern auszubrechen, werden Sie die vielen Möglichkeiten des Lebens entdecken und sich dabei selbst neu kennenlernen. Ihnen können dadurch zum Beispiel Ihre Grenzen, Stärken und Schwächen sowie Vorlieben und Abneigungen bewusster werden.

Wenn Sie Mut beweisen im Alltag und bereit sind, neue Wege zu gehen und neue Erfahrungen zu machen, wird sich dies auch sehr positiv auf Ihr Selbstvertrauen auswirken.

 


 

Quellen:

Auf meinen Spuren. Übung zur Biographiearbeit, 8. unveränderte Auflage

Autoren: Gudjons H., Wagener-Gudjons B., Pieper M. 2020, Verlag Julius Klinkhardt, S. 72 f.

Wozu leben? Logotherapeutische Selbsterfahrung und Biografiearbeit. Mit einem Beitrag von Elisabeth Lukas, Autorin: Oppermann K. Verlag der Ideen 2010.

Myers-Briggs Persönlichkeitstypen (MBTI) – Persönlichkeitsprofile (themyersbriggs.com)

Kostenloser Persönlichkeitstest Big Five | 123test

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